Die Geheimnisse der Höhle von Akba
Kapitel 1: Das Flüstern des Waldes

Morlas war schon immer ein neugieriger Junge. Die anderen Kinder aus dem Dorf lachten oft über ihn, weil er stundenlang allein im Wald verschwand, um seltene Pflanzen zu sammeln oder unbekannten Geräuschen nachzujagen. Doch an diesem Nachmittag sollte etwas geschehen, das sein Leben für immer verändern würde.
Der Herbstwind blies durch die Bäume, als Morlas einen schmalen Pfad entlangging, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Die Blätter unter seinen Füßen knirschten, und das leise Rascheln der Äste schien, als würde der Wald ihm etwas zuflüstern.
„Merkwürdig“, murmelte er und blieb stehen. „Warum bin ich diesen Weg noch nie gegangen?“
Plötzlich vernahm er ein seltsames, hohes Klingen, fast wie ein Ruf, der tief aus dem Wald zu kommen schien. Morlas folgte dem Geräusch, seine Schritte wurden schneller, als die Neugierde ihn packte. Der Pfad führte ihn zu einer kleinen Lichtung, auf der sich zwischen den Bäumen etwas Unerwartetes verbarg: ein unscheinbarer Fels, der sich kaum vom Waldboden abhob. Doch in der Mitte des Felsens war eine kleine, runde Öffnung, kaum groß genug für einen Menschen.
„Was ist das?“ flüsterte Morlas, als er vorsichtig näher trat. Das seltsame Klingen wurde lauter, je näher er der Öffnung kam. Er kniete sich hin, um hinein zu blicken, und was er sah, ließ ihm den Atem stocken. Hinter dem Eingang schien sich eine riesige Höhle zu erstrecken, tief und dunkel, als ob sie in die Tiefen der Erde führte.
„Das ist... unmöglich“, sagte Morlas leise. „Wie konnte ich das nur all die Jahre übersehen?“
Er wusste, dass er keine Zeit verlieren durfte. „Ich muss herausfinden, was dort unten ist“, entschied er fest und setzte einen Fuß in die Höhle. In diesem Moment spürte er ein leichtes Kribbeln in der Luft, als ob die Höhle selbst erwachen würde, sobald er sie betrat.
„Du bist bereit, Morlas“, schien der Wind zu flüstern, und ohne zu zögern stieg er tiefer hinab.
Kapitel 2: Der Abstieg in die Dunkelheit

Morlas wagte sich vorsichtig weiter in die Höhle hinein. Die Luft wurde kühler, und das Licht der untergehenden Sonne, das noch durch die Öffnung fiel, verblasste langsam hinter ihm. Bald war er von vollkommener Dunkelheit umgeben, doch das seltsame Klingen hallte immer noch um ihn herum, als ob es ihn tiefer hineinlocken wollte.
„Vielleicht war das keine gute Idee“, murmelte er und hielt inne, unsicher, ob er weitergehen sollte. Doch eine unsichtbare Kraft zog ihn weiter, und er konnte nicht widerstehen. Seine Hände glitten an den feuchten Wänden entlang, während er sich Schritt für Schritt in die Dunkelheit vorarbeitete.
Nach einer Weile bemerkte Morlas ein schwaches Glimmen an der Höhlendecke. Winzige Kristalle, die wie Sterne leuchteten, schimmerten im Schein eines geheimnisvollen, bläulichen Lichts. „Unglaublich“, flüsterte er und streckte die Hand aus, um die funkelnden Steine zu berühren. Sie fühlten sich warm an, obwohl die Höhle um ihn herum immer kälter wurde.
Plötzlich hörte er ein Geräusch. Ein Kratzen, als ob etwas – oder jemand – sich in seiner Nähe bewegte. Morlas erstarrte und lauschte angestrengt. „Wer ist da?“ fragte er leise, doch es kam keine Antwort. Stattdessen wurde das Kratzen lauter, und in der Ferne erblickte er etwas, das sich bewegte. Es war kaum mehr als ein Schatten, aber es schien zu beobachten, jeden seiner Schritte zu verfolgen.
„Ich habe keine Angst“, sagte Morlas, obwohl sein Herz schneller schlug. „Ich muss herausfinden, was es hier unten gibt.“
Er ging weiter, immer tiefer in die Höhle hinein. Das Klingen wurde lauter, und bald mischte sich ein zweiter Klang darunter: ein sanftes Murmeln, wie eine Stimme, die ihm etwas zuflüsterte. Er konnte die Worte nicht verstehen, aber die Bedeutung schien klar: „Komm näher... Entdecke das Geheimnis.“
Morlas folgte der Stimme, bis er an eine breite Öffnung gelangte, die in eine noch größere Kammer führte. Der Boden schimmerte seltsam, und das Licht der Kristalle wurde intensiver. Dort, in der Mitte der Kammer, stand etwas, das wie ein riesiger, steinerner Altar aussah. Doch auf dem Altar ruhte etwas, das seine Aufmerksamkeit vollständig einnahm: ein großes, altes Buch, dessen Einband mit seltsamen, goldenen Symbolen verziert war.
„Was... ist das?“ fragte Morlas flüsternd, als er näher trat. Seine Finger zitterten leicht, als er das Buch berührte. In dem Moment, in dem er es aufschlug, erhellte ein helles Licht die gesamte Kammer, und die Höhle begann zu beben. „Was habe ich getan?“
Die Stimme, die ihn hierher geführt hatte, wurde klarer. „Du hast das Tor geöffnet, Morlas... Es gibt kein Zurück.“
Kapitel 3: Das Erwachen der Hüter

Morlas stolperte zurück, als das Licht, das aus dem Buch strahlte, die gesamte Höhle erhellte. Der Boden unter ihm bebte, und die Wände der Kammer schienen sich zu bewegen, als ob die Höhle selbst zum Leben erwachte. „Was... was passiert hier?“ rief er in Panik, doch die Worte verhallten in der dröhnenden Stille.
Plötzlich hörte er Schritte. Aus den Schatten der Kammer traten drei Gestalten hervor, gekleidet in lange, dunkle Roben, deren Gesichter unter tiefen Kapuzen verborgen waren. Sie näherten sich dem Altar und blieben stumm vor Morlas stehen. Einer von ihnen hob die Hand, und das Licht, das aus dem Buch strömte, erlosch augenblicklich.
„Du hast es gefunden“, sagte die Gestalt mit tiefer, hallender Stimme. Ihre Worte hallten durch die Höhle, als ob sie aus allen Richtungen kamen. „Das Buch der Geheimnisse... das Tor zwischen den Welten.“
„Ich wollte es nicht!“, stammelte Morlas, der sich noch immer nicht von dem Schock erholt hatte. „Ich wusste nicht, was ich tat...“
„Niemand, der es findet, weiß, was er tut“, antwortete eine zweite Gestalt mit einer sanfteren Stimme. „Aber du wurdest auserwählt, Morlas. Es war dein Schicksal, diese Höhle zu betreten.“
„Auserwählt? Wofür?“ fragte Morlas verwirrt und versuchte, seine Angst zu unterdrücken. „Ich bin nur ein Junge aus dem Dorf...“
Die dritte Gestalt trat näher an ihn heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Es gibt Mächte, die größer sind als alles, was du dir vorstellen kannst, Morlas. Du hast das Buch geöffnet, und damit hast du den alten Hütern dieser Höhle neues Leben eingehaucht.“
Morlas spürte ein Kribbeln, das von der Berührung der Gestalt ausging, und plötzlich wurde ihm klar, was geschehen war. „Ihr seid die Hüter... der Höhle von Akba“, flüsterte er. „Aber was wollt ihr von mir?“
„Du hast das Tor geöffnet, aber das war nur der Anfang“, sagte die erste Gestalt. „In den Tiefen dieser Höhle liegt eine Macht verborgen, die seit Jahrhunderten unberührt geblieben ist. Und nur du kannst sie finden.“
Morlas schluckte hart. „Was ist das für eine Macht?“
„Die Macht, Welten zu verbinden“, antwortete die zweite Gestalt. „Die Macht, das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit zu bewahren. Wenn du scheiterst, wird Chaos über die Welt hereinbrechen.“
„Aber ich... ich bin nicht stark genug für so etwas“, protestierte Morlas. „Ich bin nur ein einfacher Junge.“
„Das ist nicht wahr“, sagte die dritte Gestalt. „In dir steckt mehr, als du glaubst. Du hast den Mut bewiesen, hierher zu kommen. Und nun liegt es an dir, dein Schicksal zu erfüllen.“
Morlas blickte auf das Buch, das nun wieder ruhig auf dem Altar lag. Sein Herz pochte, und seine Gedanken rasten. Konnte es wirklich sein, dass er für etwas so Großes bestimmt war? Oder war es ein Fehler gewesen, diesen Ort zu betreten?
„Was muss ich tun?“ fragte er schließlich, die Angst in seiner Stimme verschwindend, ersetzt durch eine leise Entschlossenheit.
„Folge dem Pfad“, antwortete die erste Gestalt. „Tiefer in die Höhle hinab. Dort wirst du die Quelle der Macht finden. Aber sei gewarnt: Der Weg ist gefährlich, und du wirst Prüfungen bestehen müssen.“
Morlas nickte. „Ich werde es tun.“
Die Hüter traten zurück, und die Höhle wurde wieder still. „Wir werden über dich wachen“, sagte die zweite Gestalt leise, bevor sie in den Schatten verschwand. „Aber den Weg musst du allein gehen.“
Mit einem letzten Blick auf das Buch machte Morlas sich bereit, tiefer in die Höhle von Akba hinabzusteigen – ohne zu wissen, was ihn dort erwarten würde.
Kapitel 4: Die Prüfungen des Lichts

Mit festem Schritt setzte Morlas seinen Weg fort, tiefer in die Höhle hinab. Die Wände wurden enger, und die Luft fühlte sich schwerer an, als ob sie voller Geheimnisse steckte, die seit Jahrhunderten verborgen lagen. Morlas spürte die Last der Verantwortung auf seinen Schultern, doch er wusste, dass es kein Zurück mehr gab.
Nach einer Weile öffnete sich der enge Pfad plötzlich zu einer riesigen, unterirdischen Halle. Hohe Säulen aus schwarzem Stein erhoben sich in die Höhe, und in der Mitte der Halle stand ein steinerner Torbogen, durch den ein gleißend helles Licht strahlte. Morlas blinzelte, als das Licht seine Augen blendete, doch er spürte sofort, dass dies der Ort war, von dem die Hüter gesprochen hatten. „Das muss der Eingang zur Quelle der Macht sein“, flüsterte er.
Als er näher kam, fühlte er, wie etwas in der Luft vibrierte. Es war, als würde die Höhle selbst ihn testen wollen. Und dann, ohne Vorwarnung, erschien vor ihm eine Gestalt. Sie sah aus wie Morlas selbst, doch ihre Augen glühten mit einem feurigen Licht. „Bist du bereit, dich der ersten Prüfung zu stellen?“ fragte die Gestalt und verschränkte die Arme vor der Brust.
Morlas atmete tief ein. „Was für eine Prüfung?“
„Die Prüfung des Lichts“, antwortete sein Doppelgänger. „Nur wenn dein Herz rein ist, kannst du das Tor durchqueren. Deine innersten Ängste und Zweifel werden dir hier begegnen.“
„Ich habe keine Angst“, sagte Morlas mutig, obwohl er spürte, wie sein Herz schneller schlug. Doch als er sich dem Torbogen näherte, begann das Licht sich zu verändern. Es wurde dunkler, flackerte wie ein schwaches Feuer und warf lange Schatten auf die Wände der Höhle.
Plötzlich tauchten aus den Schatten Gestalten auf – Erinnerungen an all die Ängste, die Morlas je verspürt hatte. Die furchtbaren Träume, die ihn als Kind quälten, die Unsicherheiten, die er in sich trug, und die Zweifel, ob er wirklich stark genug war, um diese Reise zu überstehen. Sie umkreisten ihn, flüsterten ihm Zweifel ins Ohr. „Du wirst scheitern“, riefen sie. „Du bist nicht der Held, der du zu sein glaubst.“
Morlas spürte, wie ihm die Knie weich wurden. Die Stimmen wurden lauter, bedrängten ihn. Doch dann erinnerte er sich an die Worte der Hüter: „In dir steckt mehr, als du glaubst.“ Diese Worte gaben ihm neuen Mut. „Nein“, sagte er fest, seine Stimme laut und klar. „Ich lasse mich nicht von meinen Ängsten beherrschen!“
Er hob den Kopf und ging entschlossen durch das Tor. Das Licht flackerte einmal, dann erhellte es die Halle erneut in einem gleißenden Glanz. Die Schatten verschwanden, und mit ihnen auch die Zweifel in Morlas' Herz. Er hatte die Prüfung bestanden.
Doch es war noch nicht vorbei. Als er das Tor durchquert hatte, sah er eine weitere Kammer vor sich, in deren Mitte ein kristallklarer See lag. Auf der anderen Seite des Sees schwebte eine Kugel aus reinem Licht – die Quelle der Macht, die er gesucht hatte.
Morlas trat an den Rand des Sees und sah in die Tiefen des Wassers. Es war spiegelglatt, doch er spürte, dass unter der Oberfläche etwas lauerte. Plötzlich erhob sich aus dem Wasser ein riesiges Wesen – ein Drache aus reinem Licht, dessen Schuppen wie Diamanten funkelten. „Die letzte Prüfung“, donnerte die Stimme des Drachen. „Nur der, der das Licht in sich trägt, darf die Quelle berühren.“
Morlas sah den Drachen fest an. „Ich habe keine Angst“, sagte er, seine Stimme fest. „Ich weiß jetzt, dass das Licht immer in mir war.“
Der Drache betrachtete ihn für einen Moment, dann senkte er seinen Kopf und verschwand wieder in den Tiefen des Sees. Der Weg war frei.
Morlas ging auf die Lichtkugel zu, seine Hand ausgestreckt. Als er sie berührte, spürte er, wie eine Welle von Energie durch seinen Körper strömte. Das Licht umhüllte ihn, und plötzlich wusste er, dass er die Macht gefunden hatte, von der die Hüter gesprochen hatten – die Macht, das Gleichgewicht zwischen den Welten zu bewahren.
„Es ist vollbracht“, flüsterte Morlas und fühlte, wie die Höhle um ihn herum ruhiger wurde. „Ich habe es geschafft.“
Mit einem letzten Blick auf den See und die leuchtende Kugel machte er sich auf den Weg zurück an die Oberfläche, bereit, das Licht in die Welt zu tragen.
Ende
Autor: Ralph von Mezz
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