Kurzgeschichte
Liebe auf dem ersten Blick

Der Duft der Kirmes
Es war ein lauer Spätsommerabend, und die Stadt war in das sanfte Licht der Dämmerung getaucht. Der süße Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln lag in der Luft, während die Lichter der Kirmes in allen Farben funkelten. Fröhliche Musik durchdrang das geschäftige Treiben, und Emma, eine junge Frau mit kastanienbraunem Haar und strahlenden Augen, schlenderte allein über den Platz. Ihre Freunde waren noch nicht da, aber das störte sie nicht. Sie genoss es, die Atmosphäre in sich aufzunehmen und das bunte Spektakel zu beobachten.
Mit einem Lächeln blieb sie vor einem alten Karussell stehen, dessen hölzerne Pferde im Takt der Musik zu tanzen schienen. Doch als sie in ihrer Tasche nach ihrem Handy suchte, stieß sie plötzlich gegen jemanden. Erschrocken drehte sie sich um.
«Oh, Entschuldigung!» rief Emma schnell, ihre Wangen färbten sich vor V erlegenheit leicht rosa. Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken.
Vor ihr stand ein junger Mann, etwa in ihrem Alter. Seine dunkelblonden Haare und das freundliche Lächeln zogen ihren Blick auf sich. Seine Augen blitzten neugierig auf, als er ihr direkt in die Augen schaute.
«Kein Problem», erwiderte er mit einem Lächeln. «Ich war wohl selbst nicht ganz bei der Sache.»
Für einen Moment standen sie einfach da, schweigend, während das Karussell hinter ihnen fröhlich seine Runden drehte. Es war, als hätte die Welt für einen kurzen Augenblick angehalten.
«Ich bin übrigens Leo», sagte er schließlich und streckte ihr die Hand entgegen.
Emma zögerte kurz, dann ergriff sie seine Hand. «Emma. Freut mich», antwortete sie leise.
Es war eine Begegnung, wie sie sie noch nie erlebt hatte, und Emma spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

Ein unerwartetes Angebot
«Magst du Karussells?» fragte Leo plötzlich, und in seinen Augen funkelte etwas Schalkhaftes. Emma blinzelte überrascht, aber dann lachte sie leise.
«Als Kind konnte ich nicht genug davon bekommen. Aber jetzt...» Sie schaute zu den bunten Holzpferden, die sich gleichmäßig im Kreis drehten. «Es ist schon lange her, dass ich auf einem war.»
«Dann wird es höchste Zeit, diese Tradition wieder aufleben zu lassen», sagte Leo und machte eine kleine Geste in Richtung Karussell. «Mein Angebot steht: Ich lade dich ein.»
Emma zögerte, aber Leos Lächeln und seine unbeschwerte Art ließen sie nachgeben. «Na gut, warum eigentlich nicht», stimmte sie schließlich zu, und zusammen gingen sie zum Karussell.
Sie setzten sich auf zwei nebeneinanderliegende Holzpferde, und kaum saßen sie, setzte die fröhliche Musik wieder ein. Langsam begann das Karussell, sich zu drehen, und Emma spürte den leichten Wind in ihrem Haar. Es fühlte sich an, als wäre sie für einen Moment wieder ein Kind, unbeschwert und voller Freude. Auch Leo schien sich zu amüsieren, und sie lachten beide, als das Karussell schneller wurde.
Als es schließlich zum Stillstand kam, stiegen sie ab und blieben noch einen Moment stehen, beide noch leicht außer Atem. «Das war wirklich lustig», sagte Emma und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
«Vielleicht sollten wir das öfter machen», erwiderte Leo mit einem Augenzwinkern. «Man muss ja alte Traditionen pflegen, oder?»
Emma lachte und fühlte, wie ihre Nervosität allmählich nachließ. Sie sah Leo an, und plötzlich erschien die Kirmes um sie herum nicht mehr so laut und überwältigend. Stattdessen spürte sie nur das sanfte Kribbeln in ihrem Bauch.
«Hast du das Riesenrad schon ausprobiert?» fragte Leo und deutete auf das große, leuchtende Rad, das über der Kirmes thronte.
«Noch nicht», antwortete Emma und lächelte. «Aber ich könnte es mir vorstellen...»

Der Blick von oben
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch stellte sich Emma mit Leo in die Schlange vor dem Riesenrad. Sie hatte schon immer ein wenig Angst vor Höhen, doch der Reiz des Abenteuers war einfach zu groß, um widerstehen zu können. Leo schien ihre Nervosität zu spüren und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, als sie schließlich in die kleine Kabine stiegen.
Mit einem leisen Klicken schloss sich die Tür, und das große Rad setzte sich gemächlich in Bewegung. Emma blickte hinaus auf die Kirmes, die unter ihnen immer kleiner wurde, während sie in die Höhe schwebten. Lichterketten funkelten wie Sterne, und der süße Duft von Zuckerwatte drang in die Kabine.
«Es ist wunderschön hier oben», flüsterte Emma, während sie fasziniert auf die bunten Lichter blickte, die sich unter ihnen ausbreiteten.
«Ja, das ist es», antwortete Leo, doch als Emma zu ihm schaute, bemerkte sie, dass er sie anstarrte – nicht die Aussicht.
Ein leichtes Kribbeln lief ihr über den Rücken. Sie spürte, wie sich die Atmosphäre zwischen ihnen veränderte, und für einen kurzen Augenblick schien die ganze Welt stillzustehen. Nur sie beide, das leise Knarzen des Riesenrads und die sanfte Bewegung der Kabine. Leo räusperte sich, seine Stimme war zart und zurückhaltend:
«Emma, ich weiß, wir kennen uns erst seit einer Stunde, aber... es fühlt sich an, als würde ich dich schon viel länger kennen.»
Emma blinzelte überrascht. Doch anstatt Unsicherheit verspürte sie eine seltsame, vertraute Wärme. «Mir geht es genauso», gestand sie, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Das Riesenrad kam plötzlich zum Stillstand – genau an der Spitze. Die Kabine schaukelte sanft, und vor ihnen breitete sich der Kirmesplatz aus wie eine leuchtende, magische Welt. Der Moment fühlte sich fast unwirklich an, als ob die Zeit für einen Augenblick eingefroren wäre.
Leo sah ihr tief in die Augen. «Emma, ich glaube... das könnte der Anfang von etwas ganz Besonderem sein.»
Ihre Herzen schlugen im gleichen Takt, als sie sich einander näherkamen. Und genau in diesem Moment, hoch oben im Riesenrad, schien die Zeit stillzustehen.

Ein neues Kapitel beginnt
Das Riesenrad setzte sich wieder in Bewegung, doch weder Emma noch Leo sprachen ein Wort. Die Welt um sie herum drehte sich weiter, doch für diesen kurzen Augenblick existierten nur sie beide. Emma spürte, wie ihre Hand leicht zitterte, als sie vorsichtig nach Leos Hand griff. Er sah überrascht zu ihr hinüber, doch ein sanftes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er ihre Hand fest umschloss.
«Ich kann es kaum fassen, dass wir uns erst vor so kurzer Zeit getroffen haben», sagte Emma leise, während die Kabine sich langsam dem Boden näherte. «Alles fühlt sich so... unwirklich an.»
«Vielleicht ist das, was man 'Liebe auf den ersten Blick' nennt», erwiderte Leo mit einem Grinsen. Emma konnte nicht anders, als über seine Worte zu lächeln. Es war ein eigenartiges Gefühl, so vertraut mit jemandem zu sein, den man gerade erst kennengelernt hatte.
Als das Riesenrad schließlich anhielt und sie ausstiegen, war die Kirmes immer noch voller Leben. Menschen lachten und amüsierten sich, doch für Emma war die Umgebung nur noch Hintergrundrauschen. Sie spürte nur die sanfte Wärme in ihrer Hand, die Leos festhielt.
«Da vorne gibt es einen Stand mit Zuckerwatte», sagte Leo plötzlich und nickte in Richtung einer kleinen Bude. «Hast du Lust?»
Emma lachte leise und nickte. «Zuckerwatte klingt perfekt.»
Hand in Hand schlenderten sie durch die Menschenmenge. Der süße Duft von Teig und gebrannten Mandeln erfüllte die Luft, und die bunten Lichter der Kirmes spiegelten sich in Emmas Augen.
Als sie vor dem Stand ankamen, kaufte Leo eine große, rosa Zuckerwatte und reichte sie Emma. «Für die Dame», sagte er mit einem schelmischen Lächeln.
Emma nahm einen Bissen und lachte erneut. «Es ist einfach unglaublich, was heute passiert ist», sagte sie und leckte sich die Zuckerwatte von den Lippen. «Ich wollte nur einen Abend mit Freunden verbringen, und jetzt... habe ich jemanden kennengelernt, der mir das Gefühl gibt, ihn schon ewig zu kennen.»
Leo trat einen Schritt näher und sah ihr tief in die Augen. «Manchmal sind es genau die unerwarteten Momente, die das Leben so besonders machen.»
Emma nickte nur, ohne ein weiteres Wort zu sagen, trat sie einen Schritt näher zu Leo. Ihre Lippen trafen sich sanft, und in diesem Moment schien die Welt um sie herum stillzustehen. Die Lichter, die Geräusche, die Menschen – alles verschwand, es gab nur noch sie beide und das Gefühl tiefer Vertrautheit.
Als sie sich schließlich voneinander lösten, sahen sie sich beide lächelnd an.
«Das war wohl wirklich Liebe auf den ersten Blick», flüsterte Emma leise.
Leo lachte und nahm ihre Hand erneut in seine. «Das glaube ich auch.»
Gemeinsam verließen sie die Kirmes, Hand in Hand, bereit, das nächste Kapitel ihrer Geschichte zu schreiben – ein Kapitel, das an diesem unerwarteten Abend durch ein kleines Missgeschick begonnen hatte.
Autor: Ralph von Mezz
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